Die Schule von Athen - das diesjährige Kongressmotiv

„Das Vergnügen des ersten Eindrucks ist unvollkommen, nur wenn man nach und nach alles recht durchgesehen und studiert hat, wird der Genuss ganz.“


J.W. von Goethe

Die Schule von Athen
Die Schule von Athen


Am 11. November 1786 stand Johann Wolfgang von Goethe in der Stanza della Segnatura des Vatikans und mühte sich das Fresko „Die Schule von Athen“ von Raffaello Sanzio da Urbino (1483 – 1520) zu entziffern. Das Bild (1510 – 1511) verherrlicht ganz im Sinne der Renaissance, eine Zeit großer Umbrüche in der alte Regeln und Gesetze ihre Gültigkeit verloren, den Ursprung der europäischen Kultur, ihre Philosophie und ihre Wissenschaften. Die Figuren Raffaels Fresko sind keineswegs zufällig verteilt, sondern sorgfältig nach klar strukturierten Prinzipien angeordnet.

Das Kompositionsprinzip besteht in der Einteilung in verschiedene Hauptgruppen. Im Mittelpunkt befinden sich die Protagonisten Platon und Aristoteles, die sich als einzige im Bild einander ansehen. Platon, mit dem Antlitz von Leonardo da Vinci dargestellt, deutet mit einem einzelnen Finger nach oben, während der jüngere Aristoteles seine Hand vorwärts flach auf uns zu streckt. Die zwei zentralen Figuren befinden sich miteinander im Disput, Platon symbolisiert mit dem nach oben gestreckten Finger die Vision, der jüngere Aristoteles mit der ausgestreckten Hand die Realität, sie verkörpern Parallelität und Komplementarität zwischen Vision und Realität, wobei der Schritt den der ältere gerade im Begriff ist vorzunehmen der Vision einen Vorsprung einräumt. Die Personengruppe im rechten Vordergrund symbolisiert die erfolgreiche Vermittlung von Wissen. Der Lehrer scheut keine Mühen und kniet unbequem vor seinen Schülern damit die Tafel für die Studenten gut erkennbar ist.

Die Studenten verkörpern vier aufeinanderfolgende Stufen des Erkenntnisprozesses beginnend mit der schmerzlichen Verwirrung über wilde Mutmaßung und hoffnungsvolles Fragen bis hin zu befriedigter Gewissheit. Die Gruppe links im Vordergrund ist das offensichtliche Gegengewicht dazu, sie hat keinen Kontakt mit  irgendeiner der übrigen Figuren und ist nur mit sich selbst beschäftigt. Es findet weder Austausch noch Dialog statt, im Vordergrund steht die Isolierung der einzelnen Personen. Keine Person innerhalb der Gruppe scheint sich um die anderen zu kümmern.

Zwei Männer verrenken sich die Hälse um die Schrift zu entziffern, eine zentrale Figur schreibt eifrig in ein Buch, während andere ihm zusehen ohne zu verstehen was er schreibt. Verkörpert die Gruppe im rechten Vordergrund Transparenz, Anschaulichkeit und erfolgreiche Wissensvermittlung repräsentiert die linke Gruppe das Gegenteil dazu, Wissensvermittlung findet hier nicht statt.

Das Kunstwerk enthält übrigens eine zwar versteckte aber unmissverständliche Botschaft. Am rechten unteren Bildrand erkennt man als weiß gekleideten Mann im Dreiviertelprofil porträtiert Nikolaus Kopernikus, der gerade im Begriff ist die Schwelle zur Neuzeit zu betreten.

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